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zu Erdhausen *Stand 21.12.2006
Erdhausen liegt 2,0 km südwestlich
der Kernstadt. Es ist ein ,,mehrgliedriges Straßendorf in Talmündungslage
(Hist. Ortslexikon, 4, 1986). Der Hauptteil des Ortes ist auf die jetzige
Bundesstraße 255 und auf die in Ortsmitte abzweigende Straße
nach Rodenhausen linienförmig ausgerichtet. Im Westen ist Erdhausen
modern bebaut. Nach Nordosten liegen Gewerbe- und Industrieansiedlungen
(Aurorahütte, Fa. Zimmermann, Wagner Holzbau- u. Sägewerk) und
Wohnbaugebiete. In die Alte Schneeberger Landstraße mündete
früher von Süden die Straße von Wetzlar bzw. Gießen
nach Biedenkopf. Erdhausen hat eine Haltestelle der Eisenbahn Niederwalgern-Herborn.
1324 Erthusen
(Staatsarchiv Würzburg Amöneburger Kellereirechnungen)
Vorgeschichtliche Funde und Bodendenkmäler Zwei Streifensysteme liegen
westlich der Höhe 396. Eins wird von der Alten Schneeberger Landstraße
im Ort zerschnitten. Unterhalb davon liegt nahe der Straße eine kleine
ebene Fläche. Darauf wurden vor einiger Zeit im Gestrüpp frühmittelalterliche
Keramikscherben gefunden. Es gibt außerdem in der Nähe einen
Hügel (40 cm hoch), dessen Bewuchs aus Disteln und Brennesseln darauf
hinweist, daß es sich um einen sehr alten Abfallhaufen handeln kann.
Die Mühle von Erdhausen
(molendinum in Erthusen) hatte im 14. Jahrhundert Abgaben an den Erzbischof
von Mainz zu leisten und lieferte diese bei dem sog. Keller auf der Amöneburg
ab. Da der Kellermeister ab 1324 genaue Aufzeichnungen über diese
Einnahmen machte, finden wir bei ihm den ältesten Nachweis über
das Dorf. Die Mühle bestand bereits 1261. Am 22. März jenes Jahres
verpfändeten nämlich die Herren der Burg Blankenstein, Ernst
von Rodheim und Gottfried von Rotenstein, der Landgräfin Sophie als
Sicherheit für versprochene Dienstleistungen 20 Talente von ihren
Gütern, darunter auch zu "Bruchmühlau" und es ist zu vermuten,
daß es sich dabei um die Erdhäuser Bruchmühle handelte.
1370 erscheint ,Erthusin' in den Zinsregistern des Deutschen Ordens, der
hier Besitz hatte. Ein ausführliches Beforchungsbuch des Ordens beschreibt
1556 nicht nur alle Grundstücke, sondern auch ihre Lage und nennt
die ältesten Flurbezeichnungen des Dorfes.
Im Jahre 1648, gegen Ende
des langen Krieges, nachdem kurz vorher noch der unselige Hessenkrieg hier
in der Gegend getobt hatte, standen von 33 Häusern 20 leer. Von diesem
Schlag erholte sich das Dorf viele Jahrzehnte lang nicht, und es bedurfte
vieler Anstrengungen, um den alten Stand wieder zu erreichen.
Häuser
Einwohner
1961 arbeiteten 105 Personen
in Land- und Forstwirtschaft, 237 im produzierenden Gewerbe, 57 in Handel
und Verkehr und 34 im Dienstleistungsgewerbe und in sonstigen Berufen.
Im Frühling 1957 beginnt
der Schreiber Lehrer i. R. Albert Damm, seinen Eintrag stimmungsvoll, wie
man es nicht oft in Chroniken findet: "Nach den wolkigen, düsteren
Regentagen der vergangenen Zeit wurde der Welt heute ein herrlicher Frühlingstag
beschert. Die Sonne stand hoch über dem Berg, und ein warmer Südwestwind
wehte durch unser Tal. Die Koppe, deren kahle Bäume bei darüberziehenden
Wolkenschatten violett schimmern, wird von grünenden Äckern und
frischgrünen Wiesen umsäumt. Die Schneeglöckchen in den
geschützten Dorfgärten sind schon abgeblüht. Sie haben in
diesem Jahr keinen Schnee gesehen. Ein Kind trug heute sein erstes Veilchensträußchen.
Gelb leuchten die Blüten des Huflattichs an dürren Wegrainen,
und die Masse der Gänseblümchen hat sich im Grase versteckt...
Im Dreisberg hörte ich die Ringeltaube locken. Alle Blüten drängen
zur Entfaltung, und in dieser Stimmung soll diese Chronik von Erdhausen
begonnen werden..." Die Chronik umfaßt die Jahre von 1880 im Rückblick
bis 1957 und dann weiter bis zum Jahre 1968.
Herbst: 1881 - Gründung des Gesangvereins Auch hier beginnt der Chronist
mit einem Stimmungsbild, das uns recht anschaulich die Zeit vor hundert
Jahren beschreibt: "Das Crummet der Wiesen im Salzbödetal lagerte
in den Scheunen, und die Kartoffeln von den nicht sehr fruchtbaren Hängen
der Berge waren in die niedrigen Keller der Bauernhäuser gebracht
worden. Friedlich träumten diese am schützenden Hang des ,Berges'
dem Winter entgegen. Auf den Brachäckern weidete die Schafherde. Die
Straßen und Gassen des Dorfes sahen um diese Jahreszeit nur noch
wenige Fuhrwerke. Von Gießen her führte die alte Schneebergstraße
ins Dorf, und die Kolonialwarengroßhandlung Tribus und Sundheim aus
dieser Stadt versorgte noch einmal vor Einbruch der kalten Jahreszeit den
einzigen Laden des Dorfes, und die Walfischbrauerei Balbach aus Biedenkopf
belieferte ab und zu die beiden Gastwirtschaften Lenz und Weigand. Das
Dorf hatte damals 380 Einwohner; der Mehrzahl nach waren es Bauern. Die
Aurorahütte bestand noch nicht, und der nächste Bahnhof war Fronhausen
a. d. Lahn. So lag das Dorf fern vom Verkehr und der Unrast unserer Tage,
in den Spätherbstnebeln des Tales am Fluß der schon mit Reif
bedeckten Koppe. Da kamen an den langen Abenden einige Männer des
Dorfes auf den Gedanken, am Wochenende zusammenzukommen, um zu singen und
den Lehrer des Dorfes, Herrn Jost Premer, zu bitten, die Leitung eines
zu gründenden Vereins zu übernehmen. Dieser, selbst ein musikalischer
und sangesfreudiger Herr, er klärte sich dazu bereit. So konnte schon
am 7. Januar der Gesangverein gegründet werden. Nach einer Niederschrift
von diesem Tage waren es 33 aktive Mitglieder." Vom Zweck des Vereins kündet
§ 1 des aufgestellten Statuts: "Gesittung und Förderung edler
Gesinnung durch Ausbildung des Gesangs und die sich daran knüpfende
Vereinigung zum Genusse erhebender gesellschaftlicher Vergnügungen."
Das erste öffentliche Auftreten fand am 10. November 1883 statt. An
diesem Tage wurde die breitästige Linde zur Erinnerung an Dr. Martin
Luthers Geburtstag vor 400 Jahren an der alten romanischen Kirche gepflanzt.
Über den Zustand der
Wege und Straßen in früheren Jahrhunderten macht man sich heute
kaum Vorstellungen. Auch nicht über den Verkehr. Es ist deshalb verdienstvoll,
daß der Chronist die Verhältnisse vor hundert Jahren aus der
Erinnerung detailgetreu schildert: Die Straße durch das Dorf, die
jetzige Hauptstraße, wurde vor 60 Jahren (also um 1900) nur von den
Kuh- und Pferdegespannen der Bauern befahren, die Ärzte in Gladenbach
- der alte Dr. Zinser, Dr. Haun, Dr. Gehring und später Dr. Kaltenschnee
- besuchten die Kranken, indem sie mit Kutschen - Chaisen - die Straße
benutzten. Freitags kam der Sandmann, von dem jede Haushaltung eine gewisse
Menge weißen Sandes kaufte, der am Sonnabend in die gekehrte und
dann geputzte Stube gestreut wurde, wo er die Woche über liegen blieb.
Hin und wieder wurden die beiden Gastwirtschaften des Dorfes - Lenz und
Weigand - von der Walfischbräu (Balbach) von Biedenkopf beliefert.
Eine Gießener Firma, von der alten Schneebergstraße herkommend,
brachte dem einzigen Kolonialwarenhändler des Ortes (Prinz) Kolonialwaren.
Es war immer eine Freude für die Kinder, besonders für die Jungen,
wenn eine Chaise durch das Dorf rollte, und die Verwegenen unter ihnen
erfaßten den richtigen Augenblick, um sich an das Gefährt zu
hängen, um ein Stück gratis - vom Kutscher unbemerkt - mit genommen
zu werden. Wenn im Winter der Schlitten von Dr. Haun oder dem Fabrikanten
Müller, Gladenbach, mit Schellengeläute daherfuhr, so wußten
die Dorfjungen genau, wer da gefahren kam, seien es die Genannten oder
andere. Diese wenigen Fahrzeuge konnte man sich schon merken. Und im Winter
wurde die Straße zur Rodelbahn. Start war bei den letzten Häusern
im Oberdorf, wo die Straße nach Rodenhausen abbiegt. Dann jagten
die Kinder in Kastenschlitten - oft mehrere zusammengebunden - bis an den
Röhrenbrunnen oder gar weiter. Aber beim Feierabendläuten verschwanden
alle schlagartig. Jetzt hieß es Schulaufgaben machen. Beim Licht
einer Petroleumlampe - nicht zu vergessen! Im Frühjahr bot die Straße
andere Attraktionen: Da trabte eine Reiterschar durch das Dorf. Es waren
die Gestütswärter von Dillenburg. Sie brachten ihre Hengste zu
den einzelnen Deckstationen, z. B. nach Gladenbach. Auch ein Erdhäuser
war unter den stolzen Reitern: Ruppert Hannes.
Noch etwas zur Instandhaltung
der Straße, ein oft lästiges Kapitel für Gemeindeverwaltung
In mancher Chronik- sei es für Gemeinde, Kirche oder Schule - gibt es Listen über Frevel und Strafen, die früher im Alltag eine große Rolle spielten, heute aber nicht mehr Mode sind oder gering geachtet werden: Geldbußen und Extradienste in Gemeinden und Kirchen, körperliche Strafen in Schulen (vgl. Kap. über Weitershausen und Bellnhausen). Vergehen in den Jahren 1842 bis 1867 In einer Tabelle der Erdhäuser
Chronik sind fein säuberlich festgehalten:
Aus harter Zeit - Kriegsgefangenschaft 1917 und Vertreibung 1945 Die Schrecken des Krieges finden wohl in den Chroniken vergangener Jahrhunderte überall große Beachtung: Plünderung, Besatzungsschäden, Tote, Verwundete, Invalide, Vertriebene. Hier zeigen sich die Folgen konkret am Einzelfall. Hier geht nichts in der großen Zahl und der großen anonymen Masse unter. Die Chronik verzeichnet den Namen. In den zwei Weltkriegen unseres Jahrhunderts sind Gefangenschaft und Vertreibung das Schicksal von Millionen gewesen. Sie haben für die Betroffenen und ihr Umfeld das Leben verändert. Sie sind zu prägenden
Erlebnissen und zur Anklage gegen den Krieg geworden, besser vielleicht:
gegen die, die Krieg verursacht haben; denn Krieg ist keine Naturkatastrophe,
die wie ein Unwetter losbricht, wenn auch alte Chroniken ihn oft so sehen
haben, Krieg wird von Menschen gemacht. Im Krieg werden Menschen gegeneinander
gehetzt, die persönlich einander nicht feind, wohl aber durch Befehl
und Propaganda zum "Feind" gemacht sind. Dieses Aufbauen von Feindbildern
und Verherrlichen des Tötens von Feinden ist wohl das schrecklichste
und gefährlichste Element in der Geschichte der Menschheit. Einträge
in Chroniken, die uns das "vor Ort" deutlich machen, sind für die
Lokalgeschichte deshalb unentbehrlich. Aus der Erdhäuser Chronik sollen
einige Eintragungen eines Einwohners für die Erlebnisse vieler anderer
stehen. Im Tagebuch heißt es unter dem 4. Oktober 1917, am Tag der
dritten Flandernschlacht: ,,Poperinghe. Wir marschieren an der Spitze eines
langen Zuges von Gefangenen, überall begafft von an den Straßen
stehenden Tommys. Es fängt an zu regnen, die langen Stiefel werden
von dem Klatschen der Mantelenden wieder blank. Erst am späten Nachmittag
erreichen wir ein Zeltlager in der Nähe von Poperinghe; wir selbst
lagern in einem offenen Bretterhäuschen. Jeder erhält 2 Decken.
Vor dem Regen sind wir geschützt. Die Nächte aber sind kalt,
und am Morgen ist der Körper steif. Aus einem Pappkarton können
wir Schiffszwieback essen, der mittags auch in der Suppe ist." Die Engländer
sind auf Souvenirs erpicht und tauschen gegen Weißbrot und Marmelade,
Corned beef und Zigaretten ein: Gas masken, Orden, Achselstücke. Es
geht dann bald nach Le Havre weiter, von da aus nach England. Es ist der
9. Oktober 1917. "Untersuchung, Entlausung, Kaffee, Zwieback. Nächtlicher
Aufstieg, denn das Lager ist auf einer Anhöhe. Im Grunde und in der
Weite flimmert ein Lichtermeer. - Es regnet. Endlich sind wir oben! In
einem großen Zelt werden wir für die Nacht untergebracht. Der
Sturm biegt es hin und her; es regnet wie aus Gießkannen. Aber wir
schlafen. Die ,Hunnen' schlafen. Es beginnt eine Woche des Hungerns und
Wartens. Am 16. Okt. fährt die ,Undine' über den Kanal nach Southampton.
Wir sind in England!"
Bericht eines Heimatvertriebenen Als im Frühjahr 1945
der Einmarsch der Russen in Teplitz-Schönau/Sudetenland erfolgte,
war der Krieg für die Sudetendeutschen zu Ende, aber "gleichzeitig
war es der Anfang eines Leidensweges für uns, der wohl für 70
bis 80% der Deutschen fast schlimmer war als der Krieg selbst. Es kamen
die sogenannten Partisanen, meistens aus dem Innern der Tschechoslowakei,
und ergriffen die Gewalt; von diesem Zeitpunkt an galten alle Deutschen
als vogelfrei. In fast jeder Straße gab es ein oder mehrere Familien,
die den Freitod als Erlösung vorzogen. Als erstes wurde nach den Funktionären
der NSDAP gesucht, doch von diesen hatten die meisten schon vor dem Einmarsch
der Russen das Weite gesucht. Dann wurden alle deutschen Betriebe, Fabriken,
Geschäfte usw. enteignet und Kommissare eingesetzt, als nächstes
mußten alle Reichsdeutschen, die nach 1938 im Sudetenland eingesetzt
wurden, das Notwendigste in Rucksack oder Koffer verpacken, ihre Wohnungen
verlassen und wurden gesammelt über die Grenze abgeschoben.
Am Ende des Jahres 1968 schreibt Lehrer i. R. Albert Damm, dem wir die Chronik Erdhausens verdanken: "Damit beendet der Chronikschreiber seine Eintragungen, die er im Jahre 1957 begann. Er ist nun 80 Jahre alt geworden und hat ein Recht darauf, sich dieser Arbeit zu begeben. Der Minister Schneider hat bei der Einweihung des Bürgerhauses dem Bürgermeister eine schöne Chronik überreicht, deren Seiten noch zu füllen sind. Ich wünsche dem nachfolgenden Chronisten Freude bei seiner Arbeit." Wenn er dann noch sagt, daß seine Chronik im Laufe der kommenden Jahre immer mehr an Wert gewinnt, dann können wir nur bestätigen, daß er recht hat und daß seine Chronik ein schwer zu erreichendes Vorbild für die Nachfolger darstellt.
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