Die Pest im Hinterland
Gebeine der Pestopfer
Bauarbeiter fanden 1977 an der Martinskirche ein altes Massengrab

Bei Ausschachtungsarbeiten im Hof des Alten Gladenbacher Pfarrhauses an der vormaligen Schulstrasse, die jetzt nach der Neubenennung »An der Martinskirche« heißt, legte der Bagger im September 1977 ein Massengrab frei. Erste Vermutungen, daß die Knochen und Schädel aus einem Gebeinhaus stammen, haben sich nicht bestätigt.

Im Mittelalter dehnte sich um die Martinskirche der große Friedhof aus, der sich wahrscheinlich bis zur jetzigen oberen Bahnhofstraße, dem Bornrain und der Marktstraße hinzog. Der Haupteingang lag da, wo heute das Modehaus Kluska steht.
Die jetzige Marktstraße hieß damals auch »Vor dem Kirchhof«.
Bis zur Anlage des neuen Friedhofs im Jahre 1908 (zwischen der Jahnstrasse und Sinkershäuser Straße) mußte das Kirchspiel die Toten auf dem Gottesacker an der Martinskirche begraben.

So benennt man noch heute verschiedene Wege, die von Kehlnbach, Rüchenbuch und Friebertshausen zur Kernstadt führen den »Dureweg« (Totenweg).
Tote aus den Gemeinden Ammenhausen, Bellnhausen, Diedenshausen, Erdhausen. Frohnhausen, Friebertshausen, Kehlnbach, Mornshausen, Rachelshausen, Römershausen, Rüchenbach, Runzhausen, Sinkershausen und Weidenhausen fanden dort ihre Ruhestätte.
Um 1730 legten die Gemeinden Weidenhausen, Römershausen und Runzhausen eigene Friedhöfe an.

Ausgenommen von der Bestattungspflicht waren damals die Kinder unter fünf Jahren, die seit der Amtszeit von Pfarrer Stockhausen (1713 - 38) nach der Errichtung eigener kleiner Friedhofe an den örtlichen Kirchen beerdigt wurden.

Zurück zum Pfarrhaus und der Fundstätte. Man vermutet, daß es sich um ein Massengrab aus der Zeit des 3Ojährigen Krieges handelt. Wie in der Festschrift zur 700-Jahr-Feier von R. Acker zu lesen ist, hatte die Pest von 1625 bis 1627 und 1635 bis 1637 im Hinterland stark gewütet.
Die Truppen Tillys hatten sie eingeschleppt.
Vom Herbst 1625 bis zum Frühjahr 1626 wurden 459 Menschen dahingerafft.

In Rüchenbach sind von 11 Familien sieben ausgestorben, in Biedenkopf lebten nach der Pest nur noch 70 Familien und in Gladenbach soll die Epidemie so gehaust haben, daß man nicht alle Leichen einzeln beerdigen konnte. Die Toten wurden an Feuerhaken aus den Häusern gezogen und in Massengräbern bestattet.
Sicher handelt es sich bei unserer Fundstelle um ein solches Grab.

(Foto: Acker)
© 2001, Bernd Nassauer, Gladenbach